Ausgabe 1/14

Das Event Fußball im Wandel der Zeit

54er-Weltmeister Horst Eckel und der aktuelle Nationalspieler André Schürrle sprechen im Doppelinterview über Fußball – damals und heute

Im Vorwort zu diesem Magazin zitiert Otto Rehhagel Nelson Mandela, der dem Sport die Kraft zuschreibt, die Welt zu verändern. Inwiefern haben Sie als Spieler nach Ihrem Sieg 1954 nationale und internationale Veränderungen wahrgenommen?
Horst Eckel: Deutschland litt 1954 noch unter den Folgen der schrecklichen Geschehnisse des 2. Weltkrieges. Durch den Titelgewinn von Bern waren wir plötzlich wieder wer in der Weltgemeinschaft. Das lag auch daran, wie wir uns da in der Schweiz präsentiert haben, bescheiden und sportlich fair. Die Menschen hatten neues Selbstvertrauen in sich und unser Land. Viele Menschen sagen heute, unser Sieg hätte zumindest dazu beigetragen, dass die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung kam. Ich kann es mir, wenn überhaupt, nur so erklären, dass die Menschen durch den sportlichen Erfolg neues Selbstvertrauen schöpften.

André Schürrle

André Schürrle während der WM Qualifikation

 

Herr Schürrle, Sie waren wie Horst Eckel auch bei Ihrem ersten Länderspiel sehr jung. Was macht so eine steile, schnelle Karriere mit einem? Wünschen Sie sich manchmal, mehr Freiheiten anstatt Verpflichtungen gehabt zu haben?
André Schürrle: Ich bin gerade 20 Jahre alt geworden, als ich meinen ersten Länderspieleinsatz in der A-Nationalmannschaft hatte. Das war in meiner 2. Bundesligasaison beim FSV Mainz 05. Natürlich war das ein tolles Ereignis, ein Traum ging in Erfüllung. Das hat Einfluss auf die Wahrnehmung, die Ansprüche und Anforderungen. Da ist es sehr wichtig, geerdet zu bleiben, auch Demut vor dem Erreichten zu haben und nicht als selbstverständlich zu sehen. Trainer, Freunde, und Familie haben mich da immer unterstützt, auf dem eingeschlagenen Weg zu bleiben.

Welche Bedeutung hat für Sie heute ein Länderspiel oder ein großes Turnier?
André Schürrle
: Länderspiele sind etwas Besonderes für mich. Es ist eine Ehre für dein Land spielen, dein Land vertreten zu dürfen. Das gilt für alle Spiele, natürlich auch für Turniere. Ein ganzes Land feuert dich mit seinen Fans an, steht hinter dir. Das ist ein herausragendes Gefühl. Gleichzeitig ist es auch eine Bestätigung für deine Leistungen, dass du mit den Besten deines Landes zusammen spielen kannst gegen andere Auswahlmannschaften.

Herr Eckel, Sie waren auch erst 20 Jahre alt bei Ihrem ersten Länderspiel. Ihr Lebenslauf ist aber auch neben Ihrer Fußball-Karriere ereignisreich. Sie haben eine Ausbildung gemacht und später studiert. Wie haben Sie Ihre Schwerpunkte gesetzt?

Horst Eckel: Erste Priorität hatten immer der Fußballsport und meine Familie, aber wir wurden, mit dem Fußballspielen damals nicht reich und es war klar, dass ich nach meiner aktiven Karriere ein berufliches Standbein brauche. So kam es, dass ich schon während meiner Zeit beim 1. FC Kaiserslautern parallel bei den Pfaff-Nähmaschinenwerken eine Ausbildung absolvierte und später, nach dem Ende der Karriere als Fußballer, Lehrer an einer Realschule wurde. Die Umstellung war am Anfang nicht leicht, ich musste nochmal selbst die Schulbank drücken. Aber auch die neue Aufgabe als Lehrer hat mir dann viel Freude bereitet.

horst_eckelHorst Eckel

 

Was raten Sie jungen Spielern heute, wenn es um die Karriereplanung geht?
Horst Eckel
: Ich kann den jungen Spielern nur raten, mit Ehrgeiz, Freude und Leidenschaft alles für den Sport zu tun, aber dabei auch nicht die eigene Schul- und Berufsbildung zu vergessen. Man kann immer eine Schippe mehr machen. Mein Spitzname war damals Windhund, weil ich schnell und zäh war. Wie oft bin ich schon früh am Morgen um fünf Uhr aufgestanden und rund um meinen Heimatort Vogelbach gelaufen. Damals habe ich zu Beginn meiner Karriere noch im Sägewerk und in der Fabrik gearbeitet.

Zwischen dem Wunder von Bern und der WM 2014 liegen genau 60 Jahre. Wo sehen Sie die signifikanten Unterschiede?
André Schürrle
: Das ist schwer für mich zu beantworten, da ich diese Zeit nicht kenne. Ich kenne nur den Film und ein paar Ausschnitte. Klar, damals war das noch nicht so kommerzialisiert, die meisten haben das Ereignis im Radio verfolgt und Deutschland hatte nach dem 2. Weltkrieg eine ganz andere Wahrnehmung. Aber dieser WM Titel hat eine große Nachhaltigkeit bewirkt und ist noch heute im Bewusstsein. Das macht ihn so besonders. Aber es ist Fußball, damals wie heute, auch wenn das Spiel schneller, die Regeln umfangreicher und vieles moderner scheint ‒ die Spieler und Fans träumen wie damals vom Titel.
Horst Eckel: Das Spiel hat sich aus meiner Sicht nur wenig verändert, aber der Fußball ist heute mehr zum Geschäft geworden als früher. Das fängt schon beim Zusammenhalt in der Mannschaft an. Mich aber prägt das Gefühl der Kameradschaft bis heute. Und andererseits waren wir damals auch schon sehr weit. Bei der Nationalmannschaft etwa hatten wir damals schon Unterwassermassage, das denkt man erst mal nicht. Zur Auflockerung haben wir Fußballtennis und Basketball gespielt. Sepp Herbergers Wissen über den Gegner war riesig. Er lehrte uns die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Gegenspielers. Wir haben nie rausbekommen, woher „der Chef“ die Informationen hatte. Dutzende Sportkanäle, Datenbanken im Internet – das war damals noch nicht einmal Zukunftsmusik.

André, wie wichtig ist die Auslandserfahrung für Sie persönlich? Wie wohl fühlen Sie sich in England?
André Schürrle
: Ich denke, dass Auslandserfahrung für meine Entwicklung ein wichtiger Schritt ist. Geschichte, Kultur, die Sprache und das Erleben von vielen neuen Dingen und Erfahrungen sind persönlich für mich wichtig. Sportlich bin ich bei einem Weltclub mit Spielern vieler Nationalitäten, die sportlich alle auf sehr hohem Niveau spielen und ich vieles lernen kann. Auch die Liga ist besonders und sehr intensiv. Und das Leben in einer Weltmetropole bietet auch sehr viele Neuerungen. Bei all dem fühle ich mich sehr wohl in London, in England.

Wie unbeschwert können Sie sich in London im Alltag bewegen?
André Schürrle
: Sicher werde ich erkannt, werde angesprochen und um ein Foto gebeten, und das stört auch meist nicht. In der Regel ist das auch sehr respektvoll und man hat auch seine Freiräume.

Wäre 1954 ein Wechsel zu einer ausländischen Mannschaft so problemlos möglich gewesen wie heute?
Horst Eckel
: Möglich ja, aber es war eine andere Zeit. Ganz sicher hätten gerade die Nationalspieler vor einem Wechsel ins Ausland mit dem „Chef“, mit Sepp Herberger gesprochen. Ich selbst wurde nach einem Spiel mit dem 1. FC Kaiserslautern in England angesprochen, ob ich nicht auf die Insel wechseln möchte. Ich habe abgelehnt. Vor allem weil auch Fritz Walter immer wieder Angebote ablehnte und in Kaiserslautern geblieben ist. Das hat mir imponiert und ich wollte weiterhin mit Fritz zusammen Fußball spielen.

Wie groß ist der Respekt vor den Weltmeistern von 1954? Warum hat es Horst Eckel aus Ihrer Sicht bis heute geschafft, ein Vorbild zu bleiben?
André Schürrle
: Ich habe sehr großen Respekt vor diesen Spielern, auch wenn ich sie nicht persönlich kenne. Horst Eckel kenne ich aus der Region, habe ihn auch schon früher noch in der Toto-Lotto-Auswahl gesehen. Leute wie er sind ein großes Vorbild, da sie immer authentisch waren und für den Sport leben.

Public Viewings und Fußball-Partys finden während der WM überall statt. Was prädestiniert den Fußball dazu, Menschen in dieser Form zusammen zu führen?
André Schürrle
: Fußball ist ein Sport für die Massen. Fußball ist Ablenkung, Entspannung. Er bietet Emotionen und vieles, womit man sich identifizieren kann. Man kann sich gemeinsam freuen, kann jubeln, feiern, auch trösten und man kann toll diskutieren, weil „jeder“ den Sport kennt. Fußball ist multikulturell, hat auch eine soziale Funktion. Public Viewings sind da ein toller Ersatz, wenn man nicht im Stadion sein kann, trotzdem aber in der Gemeinschaft dabei sein will.
Horst Eckel: Ich habe kürzlich gelesen, dass sich in Deutschland mehr als 75 Prozent der Bevölkerung als fußballinteressiert bezeichnen. In den 21 Landesorganisationen des DFB sind mehr als 25.000 Vereine mit rund 6,8 Millionen Mitgliedern aktiv. Der Fußball ist ein starkes Stück Gesellschaft. Die Bundesliga ist wie man so schön sagt, der Deutschen liebstes Kind. Und über Fußball lässt sich herrlich fachsimpeln, man kommt darüber so schnell mit vielen Menschen ins Gespräch. Das geht mir bis heute so.

Sie sind beide online sehr aktiv. Warum nutzen Sie dieses Medium gerne?
Horst Eckel
: Darum kümmern sich meine Tochter und mein Schwiegersohn. Ich finde es toll, mit Fußballfreunden in aller Welt über die heutigen technischen Möglichkeiten in Kontakt stehen zu können.
André Schürrle: Man kann sehr viele Leute in kurzer Zeit erreichen und bekommt auch schnell entsprechende Rückmeldung.

Wer wird Weltmeister?
André Schürrle
: Am liebsten WIR. Ich glaube daran!
Horst Eckel: Das weiß niemand, aber ich werde unserem Team fest die Daumen drücken.

 


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